Viele, die seit Jahren Websites betreiben, spüren es längst: Das Web fühlt sich nicht mehr so an wie früher. Es gibt mehr Seiten, mehr Inhalte, mehr KI-generierten Text, mehr Oberflächen, mehr Plattformen – und trotzdem kommt bei vielen Betreibern immer weniger an. Weniger Besucher, weniger Sichtbarkeit, weniger Einnahmen. Das Internet wächst nach außen weiter, aber für viele kleine Publisher, Blogger und Nischenseiten wird es innen enger.
Die eigentliche Krise ist deshalb nicht, dass das Internet verschwindet. Die Krise ist, dass es sich für immer mehr Menschen nicht mehr lohnt, eine gute Website dauerhaft zu pflegen. Und wenn sich Qualität nicht mehr rechnet, bleibt am Ende oft genau das übrig, was viele heute schon beobachten: eine digitale Müllhalde aus veralteten Seiten, lieblosen KI-Texten, SEO-Resten und toten Projekten.
Das Web ist riesig – aber ein großer Teil davon ist schon heute praktisch tot
Auf den ersten Blick wirkt das Internet gewaltig. Netcraft zählte im Februar 2026 rund 1,42 Milliarden Websites auf 297 Millionen Domains. Gleichzeitig zeigen andere laufende Auswertungen, dass nur ein relativ kleiner Teil dieser Seiten überhaupt aktiv gepflegt wird. Je nach Zählweise gelten nur etwa 15 Prozent als aktiv, während ungefähr 85 Prozent inaktiv, geparkt oder faktisch verwaist sind. Das heißt: Ein großer Teil des Webs ist schon heute kein lebendiger Raum mehr, sondern eher ein digitales Ablagefeld.
Das ist wichtig, weil es zeigt, dass der Verfall nicht erst in Zukunft beginnt. Er ist längst da. Viele Websites verschwinden nicht auf einen Schlag, sondern sterben langsam: keine Updates mehr, sinkende Besucherzahlen, kaputte Links, veraltete Plugins, keine Lust mehr, keine Einnahmen mehr. Irgendwann steht die Seite zwar noch online, spielt aber faktisch keine Rolle mehr.
Warum KI die Lage für viele Websites verschärft
KI ist nicht der einzige Grund für diese Entwicklung, aber sie beschleunigt sie deutlich. Vor allem dann, wenn KI direkt in Suchmaschinen eingebaut wird. Google hat seine AI Overviews inzwischen auf mehr als 200 Länder und Territorien sowie auf mehr als 40 Sprachen ausgeweitet. Damit bekommen Nutzer bei vielen Fragen schon in der Suche eine zusammengefasste Antwort, ohne überhaupt noch auf eine Website klicken zu müssen.
Genau das trifft viele klassische Websites ins Mark. Denn jahrzehntelang war die Grundlogik des offenen Webs simpel: Jemand sucht etwas, findet ein Suchergebnis, klickt auf eine Website und der Betreiber hat die Chance auf Reichweite, Vertrauen, Werbeeinnahmen, Affiliate-Umsatz oder eine Conversion. Wenn die Antwort aber schon vorher in der Suchmaschine erscheint, bricht diese Kette an einer entscheidenden Stelle weg.
Weniger Klicks bedeuten nicht nur weniger Reichweite, sondern oft das Ende eines Geschäftsmodells
Die Folgen lassen sich inzwischen messen. Das Pew Research Center zeigte 2025, dass Nutzer bei Suchergebnisseiten mit KI-Zusammenfassung nur in 8 Prozent der Besuche auf ein normales Suchergebnis klickten. Ohne KI-Zusammenfassung lag der Wert bei 15 Prozent. Auf Links direkt in der KI-Antwort klickten Nutzer sogar nur in 1 Prozent der Besuche.
Auch Similarweb kommt zu einem ähnlichen Bild. Dort lag die Zero-Click-Rate ohne AI Overviews bei ungefähr 60 Prozent. Wenn AI Overviews eingeblendet wurden, stieg sie auf rund 80 Prozent, im Durchschnitt sogar auf etwa 83 Prozent. Das bedeutet: Immer mehr Suchanfragen enden, ohne dass überhaupt noch jemand auf eine externe Website gelangt.
Für große Marken ist das unangenehm. Für kleine Websites kann es existenziell sein. Denn ein Rückgang von ein paar Prozent ist oft verkraftbar. Wenn aber ein spürbarer Teil des Suchtraffics wegfällt, kippt die Wirtschaftlichkeit schnell. Hosting, Wartung, Themenrecherche, Texte, Bilder, Technik, Datenschutz, Sicherheit, Plugins, Layout, Updates – all das kostet Zeit oder Geld. Wenn gleichzeitig die Einnahmen sinken, stellt sich irgendwann die einfache Frage: Warum mache ich das überhaupt noch?
Besonders gefährdet sind austauschbare Inhalte
Nicht jede Website ist gleichermaßen bedroht. Am stärksten unter Druck geraten Seiten, deren Inhalte sich schnell zusammenfassen lassen. Einfache Ratgebertexte, generische Erklärartikel, dünne Vergleichsseiten, massenhaft produzierte SEO-Inhalte oder austauschbare Affiliate-Seiten sind besonders anfällig. Wenn der Kern des Inhalts in wenigen Sätzen beantwortet werden kann, übernimmt die Suchmaschine oder ein KI-System genau diesen Teil immer häufiger selbst.
Das bedeutet nicht, dass solche Inhalte wertlos sind. Aber es bedeutet, dass sie wirtschaftlich schwerer tragbar werden. Denn wenn der Nutzer die Hauptinformation schon direkt in der Suche bekommt, fehlt für viele Seiten am Ende genau das, wovon sie gelebt haben: der Klick.
Das trifft nicht nur Blogs, sondern das offene Web insgesamt
Gerade für WordPress-Seiten ist das Thema besonders relevant. Laut W3Techs läuft WordPress auf 42,5 Prozent aller Websites. Wenn sich also die Logik von Sichtbarkeit und Reichweite ändert, betrifft das nicht nur ein paar Tech-Seiten, sondern einen enormen Teil des offenen Webs.
Hinzu kommt: Viele kleine Websites arbeiten nicht mit großen Teams, sondern mit Einzelpersonen oder Mini-Redaktionen. Dort gibt es keinen Puffer für längere Durststrecken. Wenn Traffic, Anzeigenumsätze oder Affiliate-Einnahmen zurückgehen, wird die Website oft nicht strategisch umgebaut, sondern irgendwann einfach nicht mehr weitergeführt. Genau deshalb ist die Gefahr real, dass in den kommenden Jahren sehr viele kleine und mittlere Seiten entweder verschwinden oder nur noch als Karteileiche online bleiben.
Das heißt aber nicht, dass das ganze Internet verschwindet
Trotz aller Probleme wäre es falsch, jetzt das Ende des Webs auszurufen. Wahrscheinlicher ist etwas anderes: Das Internet wird nicht verschwinden, aber es wird härter, selektiver und ungleicher. Schwache und austauschbare Seiten werden es schwerer haben. Starke Marken, Communities, Tools, Datenbanken, lokale Angebote, echte Erfahrungsberichte und originelle Stimmen haben deutlich bessere Chancen.
Auch Google betont, dass weiterhin Milliarden Klicks pro Tag ins Web geschickt würden und dass bestimmte Inhalte sogar von qualitativ besseren Besuchen profitieren könnten. Man muss diese Perspektive nicht unkritisch übernehmen, aber sie zeigt einen wichtigen Punkt: Die Aufmerksamkeit verschwindet nicht komplett, sie verteilt sich neu. Gewinner und Verlierer liegen künftig nur weiter auseinander als früher.
Was wahrscheinlich wirklich passieren wird
Besonders bei Blogs, kleinen Magazinen und unabhängigen Nischenseiten ist dieses Risiko hoch das diese komplett verschwinden. Das Reuters Institute berichtete 2026, dass der Google-Suchtraffic zu Publishern in den vergangenen zwei Jahren um ein Drittel gefallen sei. Gleichzeitig rechnen viele Verlage damit, dass der Suchtraffic in den kommenden drei Jahren noch einmal deutlich sinken könnte.
Übrig bleiben werden vor allem Seiten, die etwas bieten, das sich nicht so leicht zusammenfassen, kopieren oder automatisieren lässt: echte Erfahrung, Persönlichkeit, Haltung, Vertrauen, Community, Spezialisierung oder konkrete Problemlösung. Wer nur Informationen wiederholt, wird es schwer haben. Wer etwas Eigenes beiträgt, hat weiterhin eine Chance.
Die Frage ist also nicht, ob das Internet verschwindet. Die wichtigere Frage ist: Welche Art von Websites werden in Zukunft noch eine Daseinsberechtigung haben? Und genau dort entscheidet sich, ob das Web in den nächsten Jahren weiter verödet – oder ob es sich neu sortiert und wieder wertvoller wird.
